Der Einsiedler

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In meinem Wohnzimmer - genauer gesagt: Auf dem Sofa (um ganz präzise zu sein: Auf dem Dreisitzer, denn der Zweisitzer ist ja nur für's niedere Volk), also auf dem Sofa wohnt seit einiger Zeit ein Einsiedler. Dort lebt er so vor sich hin, neben mir her und an mir vorbei. Er hat eine seltsame Art von Schweigegelübde abgelegt: Nur zu bestimmten Zeiten erlaubt er sich das Sprechen - und das gilt für mich gleich mit. Diese Zeiten nennt man "Werbepausen". Jaja, er ist schon ein seltsamer Vogel, mein Einsiedler... Manchmal fürchte ich, er könnte an seinem Sofa festgewachsen sein und ich warte schon immer ganz gespannt auf die nächste Werbepause. Wenn er sich dann (was selten vorkommt) mal erhebt, um dem Ruf der Natur zu folgen, weiß ich, daß alles noch in Ordnung ist, ich muß nicht die Couch zerschnippeln, um ihn davon wegzukriegen. Er hat es schon ziemlich gut bei mir, mein Einsiedler. Aber ich behandle ihn ja auch wie ein rohes Ei, schließlich möchte ich ihn nicht verschrecken, er ist ja so empfindsam... Ich bin immer gleich nett zu ihm, und er läßt seine sämtlichen Launen an mir aus. Aber das darf er auch, denn ich weiß ja wie er's meint und bringe ihm sein Essen. Wasche seine dreckigen Unterhosen, die stinkigen Socken. Im Gegenzug darf ich dann nichts über ihn erfahren - denn ihn irgendwas zu fragen bedeutet einen Eingriff in seine persönliche Freiheit. Das geht natürlich nicht, denn ein Eremit muß selbstverständlich darauf achten, daß er immer und zu jeder Zeit all das tun und lassen kann, was ER will. Ich habe aber auch schnell gelernt, wie man mit einem Einsiedler umzugehen hat - ja, ich bin ein kluges Mädel! Ich stelle keine unnützen Fragen, belästige ihn nicht mit Gefühlsausbrüchen gleich welcher Art... Probleme? Nee, hab ich keine - seine sind sowieso viel wichtiger. Manchmal benimmt er sich sehr seltsam, dann kenne ich ihn kaum wieder. Das passiert meistens, wenn er sich überwunden hat, nach draußen zu gehen, und sich an der Tankstelle seinen Lieblingstreibstoff zu holen... dann ist plötzlich das "Bitte nicht stören" aus seinem Blick verschwunden und er kann reden, wie ein Wasserfall. Ja, wirklich, es ist kaum zu glauben! Dann auf einmal liebt er mich, er braucht mich, er ist eigentlich gar kein Einsiedler.... Aber schon am nächsten Tag ist alles wieder vorbei, die beiden ziehen sich auf die Couch zurück, der Einsiedler und sein Kater... Und ich liege alleine im Bett und komme zu der Erkenntnis, daß ich ihn in einer Werbepause verlassen muß, damit er's überhaupt mitkriegt....
© P.S. (1998)

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