Der Weg des geringsten Widerstandes

Ich habe schon zu lange Rast gemacht. Seit Wochen
habe ich hier an dieser Weggabelung mein Lager aufgeschlagen, weil ich mich
nicht entscheiden kann, in welche Richtung ich weitergehen soll. Ich verbringe
meine Zeit mit Grübeln, zögere den Aufbruch immer wieder hinaus.
Eigentlich ist dies kein besonders gastlicher Ort, ich habe keine Ahnung,
warum ich mich hier so lange aufhalte. Es ist kalt und ein eisiger Wind treibt
ständig neue Regenwolken heran, alles ist feucht und klamm. Immer wieder
starre ich den Wegweiser an, zwei hölzerne Pfeile zeigen mir die einzig
möglichen Richtungen, in die ich gehen kann. Als ich hier ankam, sah
das Holz noch ganz neu aus, als hätte jemand die Pfeile gerade erst
geschnitzt und sie mit einer Beschriftung versehen. Doch der kalte Wind und
die heftigen Regenfälle ließen das Holz schnell verwittern. Trotzdem
kann ich noch sehr gut erkennen, welche Hinweise man dort für mich
eingeschnitzt hat: Auf dem einen Pfeil ist nur ein großes Fragezeichen
zu sehen, der andere trägt die Aufschrift "Weg des geringsten
Widerstandes".
Nach all den Jahren der Wanderschaft ist dies
nicht das erste Mal, daß ich vor einer solchen Entscheidung stehe.
Die Strecke, die mich hierher führte, war nicht immer leicht zu
bewältigen, mal war der Weg steinig und führte steil bergauf, mal
war er glatt und schlüpfrig, so daß ich beim ersten unvorsichtigen
Schritt auf dem Hosenboden landete und große Entfernungen hilflos rutschend
zurücklegte, ohne jede Möglichkeit, mich für eine Richtung
zu entscheiden. Ich erreichte unzählige Kreuzungen und Abzweigungen,
und ganz gleich, wieviele Richtungen mir die Wegweiser anboten: Der "Weg
des geringsten Widerstandes" gehörte immer dazu. Es kostete mich beinahe
jedesmal große Überwindung, diese Möglichkeit auszuschlagen
und ich erlag mehr als einmal der Versuchung, diesen leichten, problemlosen
Weg zu nehmen, der sich nur zu oft als kurze Sackgasse entpuppte.
Nun habe ich also abermals die Wahl, wohin mich
meine Reise weiterhin führen soll. Versonnen stehe ich da und blicke
in die Richtung, aus der ich gekommen bin. Manchmal wünsche ich mir,
ich könnte umkehren, zurück zur nächsten Kreuzung gehen und
dort einen anderen Weg einschlagen. Doch von meiner Wanderung bleiben mir
einzig und allein meine Erinnerungen und Erfahrungen, Lehren, die ich aus
dem Erlebten zog. Es gibt kein Zurück. Niemals. Der Weg dorthin verschwindet
nach ein paar Schritten einfach im Nichts.
Ich denke oft an die Weggefährten, die
ich auf meiner langen Reise traf, manche von ihnen begleiteten mich nur kurze
Zeit, andere wiederum blieben jahrelang an meiner Seite, bis sich herausstellte,
daß es besser war, die Wanderung getrennt fortzusetzen. Keine dieser
Trennungen glich der anderen. Viele waren sehr schmerzhaft, so daß
ich es vorzog, für lange Zeit allein weiterzuziehen. Doch gab es auch
Abschiede, die so langsam und unmerklich von statten gingen, daß es
zunächst weder mir noch dem anderen Reisenden wirklich auffiel. Unsere
Wege trennten sich einfach, und irgendwann war jeder wieder auf sich allein
gestellt. Ähnlich ist es auch mit dem Wanderer, der gemeinsam mit mir
diese Weggabelung erreichte. Er machte nur kurz Halt und ging dann voraus,
dem "Weg des geringsten Widerstandes" folgend. Er blickte nicht einmal
zurück, ob ich ihn noch begleite...
Ich habe schon zu lange Rast gemacht, obwohl
ich insgeheim schon längst die Wahl getroffen habe.
© P.S. (1998)
|